Interview mit Susanne Bormann

Basierend auf Stefan Austs gleichnamigen RAF-Standardwerk erschien vor kurzem das Oscar-nominierte Drama Der Baader Meinhof Komplex auf DVD. Neben diversen nationalen Top-Stars können auch die perfekt besetzten Nebenrollen überzeugen. Im Interview spricht die Jungdarstellerin Susanne Bormann aus Berlin über ihren Filmcharakter Peggy, wie sie sich auf ihre Rolle vorbereitet hat und wie sie die unterschiedlichen Reaktionen auf Der Baader Meinhof Komplex bewertet.

"Ich kann die Motive der RAF teilweise verstehen!"

Interview mit Susanne Bormann vom 02.03.2009 // Die Filmkritik zu Der Baader Meinhof Komplex finden Sie im DVD Magazin 04/2009 auf Seite 38

Welche Informationen hatten Sie vor Drehbeginn über die RAF? Wie sah Ihr Hintergrundwissen aus?
Ich hatte das Buch Der Baader Meinhof Komplex von Stefan Aust gelesen und mich über das Internet informiert. Außerdem habe ich mir den Film Bambule von Ulrike Meinhof angesehen.

Haben Sie auch konkret über die terroristischen Aktionen der RAF recherchiert?
Man redet natürlich über die Ereignisse aus dieser Zeit. Interessant war allerdings, dass das Thema in Ostdeutschland nicht so präsent war, während es im Westen sehr intensiv erinnert wurde. Die genauen Details der Schleyer-Entführung waren mir zum Beispiel nicht mehr so im Gedächtnis. Das war mir zwar ein Begriff, aber wie viele Opfer es damals gab, realisierte ich erst im Nachhinein. Erst durch die Gespräche mit Zeitzeugen ist mir richtig klar geworden, dass es vor wenigen Jahren noch Terrorismus in Deutschland gab und die Menschen tatsächlich in Angst davor lebten und total verunsichert waren. Wo sind die nächsten Anschläge? Trifft es bald jemanden, den ich kenne? Interessant war auch, dass sich sehr viele Leute noch an die genauen Schlagzeilen aus der Zeit erinnern konnten.

Können Sie die Beweggründe der RAF-Mitglieder teilweise nachvollziehen oder verurteilen Sie diese komplett?
Ich kann verstehen, woraus die Motive entstanden sind: aus dem Gefühl, sich in diesem verkrusteten System gefangen zu fühlen, deren Prinzipien man nicht teilt, nicht teilen will und absolut verurteilt. Wir haben uns im Vorfeld auch mit Stefan Aust getroffen, was hoch interessant war, da er sehr viel Material zusammengetragen hatte. So bekamen wir die Möglichkeit, Videoaufnahmen und Tonbandmaterialen zu sehen, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Darunter war auch eine Sequenz, in der sich ein Mitglied der RAF geäußert hat, wie es möglich sei, dass Deutschland mehr oder weniger direkt den Vietnam-Krieg unterstützt, aber die Leute sich mehr darüber aufregen, wenn jemand einen Rasen betritt, wo ein Schild "Betreten verboten" steht. Die moralische Scheinheiligkeit und die Enge in den Köpfen der Menschen sowie die fehlende Bereitschaft, sich mit der NS-Vergangenheit kritisch und intensiv auseinanderzusetzen, waren Dinge, gegen die die RAF kämpfen wollte. Diese Beweggründe kann ich schon verstehen. Gerade nach der Polizeiaktion vor der Deutschen Oper in Berlin 1967 (bei den Studentenprotesten gegen den Schah) gab es meiner Meinung nach schon eine berechtigte Wut gegen den Staat. Denn die Polizeigewalt von damals stellte etwas ganz anderes dar als das heutige Vorgehen der Polizei. Daher kann ich die Wut nachvollziehen. Aber mit den Mitteln, vor allem in der späteren Zeit der RAF, kann ich überhaupt nichts anfangen: Gewalt mit Gegengewalt zu bekämpfen ist für mich nicht die Lösung. Davon distanziere ich mich ganz klar und orientiere mich eher an Gandhi. Das halte ich für den besseren Weg zum Erfolg. Aber dass eine absolute Wut und ein unbedingter Wille da war, dieses System verändern zu wollen, kann ich durchaus verstehen. Und es hat sich ja durchaus etwas verändert. Damit sage ich nicht, dass die RAF eine gute Sache war, aber es war sicher wichtig, dass in der Zeit eine Diskussion stattgefunden hat.

Sind Sie der Meinung, dass es in der heutigen Generation auch noch eine Art revolutionären Geist gibt oder glauben Sie, dass die heutige Jugend davon frei ist?
Damals war das Feindbild ziemlich klar, heute ist es viel diffuser und schwerer greifbar. Es gibt viele Sachen, mit denen man unzufrieden ist und die man nicht tolerieren kann, aber es ist so schwer, den Gegner zu identifizieren. Der revolutionäre Geist wird dadurch sehr gedämpft, weil man gar nicht weiß, wohin damit. Ich glaube, dass wir in Deutschland jetzt ein sehr viel lebenswerteres Leben mit viel mehr persönlichen Freiheiten haben, als es zu Zeiten der RAF noch der Fall war. Natürlich ist die wirtschaftliche Situation schwierig und vielen Leuten geht es nicht richtig gut, aber für eine Revolution muss es den Leuten noch viel schlechter gehen, denn eine Revolution ist immer unbequem.

Was wäre für Sie die richtige Art der Revolution?
Den Leuten geht es einfach zu gut, um wirklich eine Revolution zu starten, denn sie haben zu viel zu verlieren. Allerdings glaube ich auch, dass das Fernsehen ein sehr starkes Mittel ist, um die Leute ruhig zu stellen.

Haben Sie sich mit der realen Person (Name darf aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden) ihres Filmcharakters Peggy im Vorfeld beschäftigt?
Man erfährt nicht viel über sie, da sie sich sehr zurückgezogen und von der Sache distanziert hat. Deshalb konnte ich nicht viel mehr machen als mich mit dem Film Bambule zu beschäftigen, durch den ich einen Eindruck ihres Charakters gewinnen konnte. Aber ich konnte zum Beispiel nicht herausfinden, warum sie damals in ein Heim abgeschoben wurde. Gerne hätte ich mich mit ihr getroffen, aber es war von vornherein klar, dass dieses Treffen nicht stattfinden würde. Interessant war allerdings, dass eine unserer Kostümassistentinnen sie kannte. So erfuhr ich immerhin, was für Kleider sie so getragen hat und welche Rolle sie in der Gruppe einnahm.

Konnten Sie sich dadurch etwas mehr an den Charakter annähern?
Ich habe mich schnell entschieden, da sie ja eh nicht damit in Verbindung gebracht werden wollte, lieber das allgemeine Prinzip der Rolle zu erzählen: von einem jungen Mädchen, das aus einer großen persönlichen Enge herausgekommen ist. So funktionierte natürlich auch die RAF – sich aus einer Enge zu befreien. Da waren sie Brüder im Geiste, doch war sie selbst völlig unideologisch und hatte mit der politischen Situation nichts am Hut. Für sie war die RAF eher eine Art Familienersatz, nachdem sie aus dem Kinderheim geflüchtet ist und bei Ulrike Meinhof Unterschlupf gefunden hatte. Ob das nun damals wirklich genauso war, kann ich nicht sagen, aber es war mir wichtig, diese Zusammenhänge zu zeigen. Dass es auch Leute gibt, die auf diese Weise zur RAF kamen. Die sich nicht besonders ideologisch damit auseinandergesetzt haben, die einfach von der revolutionären Kraft begeistert waren und Aktionen starten wollten. Für mich war der Kern der Figur ihre Suche nach Freiheit und familiärer Geborgenheit. Das war mir viel wichtiger, als das Original nachzubilden.

Es gab viele Diskussionen über den Film. Können Sie negative Kritiken nachvollziehen – zum Beispiel wurde dem Film vorgeworfen, die Position der Opfer zu unterschlagen?
Wenn man einen Film machen will, muss man sich eben entscheiden, was man damit will. Gerade bei einem so unglaublich komplexen Thema. Bei einem Spielfilm fallen natürlich viele Dinge raus. Die Entscheidung darüber, was in den Film kommt und was nicht, muss man meiner Meinung nach den Filmemachern überlassen. Der Baader Meinhof Komplex sollte kein Film über die Opfer sein, sondern ein Film über die Geschichte der RAF. Es ist ja nicht so, dass die RAF im Film verherrlicht wird und man das Leiden der Opfer nicht ernst nimmt. Ich persönlich habe es, auch als neutrale Zuschauerin, sehr intensiv wahrgenommen. Am Anfang des Films bin ich auch noch begeistert von der Rede des Rudi Dutschke und bin auf der Seite der Helden. Später im Film jedoch überwiegt das Leid der Opfer, so dass ich mit den Mitteln nicht mehr konform gehen kann und mich ganz klar davon distanzieren muss. Daher kann ich diese Kritik nicht nachvollziehen. Auch der Vorwurf, Der Baader Meinhof Komplex sei ein Ballerfilm oder ein Actionfilm, ist für mich unverständlich. Es war tatsächlich auch meine erste Befürchtung, dass es so ein Film werden könnte. Man könnte daraus einen Actionfilm machen, ich war aber sehr positiv davon überrascht, dass das nicht geschehen ist. Zudem spricht der Film meiner Meinung nach besonders junge Leute an, für die dieser Teil der deutschen Geschichte nicht präsent ist – es wird ja auch in der Schule kaum darüber gesprochen. Wer sich im Vorfeld intensiv damit auseinandergesetzt hat, oder gar selbst dabei war – dessen Nerv trifft der Film vermutlich nicht. Aber auf jeden Fall halte ich ihn für einen wichtigen Film, aus dem man lernen kann. Der Film wäre auf jeden Fall ein guter Aufhänger, um in der Schule über dieses Thema zu sprechen.

Wie groß war die Enttäuschung, dass es mit dem Oscar nicht geklappt hat?
Ich war zu der Zeit in Neuseeland und wusste nicht mal, dass der Film überhaupt nominiert war. Darum hab ich mich erstmal über die Nominierung gefreut.

Haben Sie Ambitionen, ins Ausland zu gehen?
Ich freue mich derzeit über die Entwicklung, die der deutsche Film in den letzten beiden Jahren gemacht hat. Es gibt viele spannende deutsche Filme. Aber man weiß nie, was im Leben passiert – ich würde mich nicht weigern; aber ich gehöre auch nicht zu den Schauspielern, die auf gut Glück nach Hollywood ziehen würden.

Was werden wir als nächstes von Ihnen zu sehen bekommen?
Als nächstes kommen die ZDF-Produktionen Der Botschafter (Regie: Siggi Rothemund) mit Walter Sittler, in dem ich seine widerborstige Tochter spiele und der Film mit dem Arbeitstitel Die Freundin der Tochter (Regie: Josh Broecker). Ansonsten stehen zurzeit keine Projekte an. Aber ich bin ja auch gerade erst frisch zu Hause angekommen und muss mich hier erstmal wieder akklimatisieren.

Interview: Andre Kummer

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