Mit
organisiertem Irrsinn und fulminantem Fun-Metal haben sich Knorkator in der Szene einen (zweifelhaften) Namen erspielt. Nach 14 durchgeknallten
Jahren mit vielen Höhepunkten und Katastrophen treten die Berliner nun von der großen Bühne ab. Nicht ohne noch ein letztes Mal die deutschen
Konzertbühnen zu entweihen und den Fans ein letztes Präsent für den Knorkator-Schrein zu machen: Zum Abschluss geben Alf Ator, Stumpen, Buzz Dee und Co.
auf der prall gefüllten Doppel-DVD Weg nach unten noch einmal Vollgas. Wir sprachen mit Knorkator-Mastermind Alf Ator - und zwar so lange,
bis es nichts mehr zu sagen gab. Hier die komplette Interview-Mitschrift in zwei Teilen. Die Welt wird diese verrückte Band vermissen - ob sie sich darüber im Klaren
ist oder nicht.
Schluss mit lustig - die Fun-Metal-Kapelle Knorkator verabschiedet sich
Alf, unser Gespräch hat einen traurigen Anlass.
Och, nööö, der Anlass ist doch schöööön!
Für dich vielleicht, weil du dir bald ein schönes Leben in der Südsee machst?
(lacht) Ach na ja. Na ja... wir reden ja gleich im Interview darüber. Reden wir schon im Interview, sind wir schon im Interview?
Nee, ja, gut, stell' deine erste Frage!
Welches Erbe lasst ihr als Knorkator in der Musikgeschichte zurück? Was soll in den Büchern über euch geschrieben stehen?
Ach, da bin ich eigentlich ganz bescheiden. Mit würde es schon reichen, wenn irgendwann in vielleicht einer Million Jahre irgendeine Kreatur von
irgendeinem Stern mit einer anderen spricht und die Erde erwähnt, und die andere sagt dann 'Watt, wovon redest du? Erde?'
Und dann sagt die erste: 'Na, hier, Knorkator, Mann!', und dann sagt die andere 'Ach so, alles klar!'.
Siehst du so etwas wie einen legitimen Knorkator-Nachfolger am Horizont? Wer streckt denn ab jetzt der deutschen Musiklandschaft den Mittelfinger ins Gesicht?
Oh Gott, haben wir das getan? Na dann wundert mich ja gar nichts mehr! Na ja, nee, ich hab' keine Ahnung. Aber ich muss zugeben, ich sehe nicht wirklich Nachwuchs
in der Richtung, aber wozu ist das auch nötig? Wir machen ja auch Schluss, weil wir der Meinung sind, dass wir hinsichtlich Knorkator alles gesagt haben.
Und wenn wir schon Schluss machen wollen, soll kein anderer damit anfangen.
Aber mit euch verliert die Musiklandschaft eine schillernde Instanz.
Das geht mir ja runter wie Öl, ich stoß' gleich mit'm Kopp an die Decke, du! Nee, ich würde sagen... keene Ahnung. Also, öhhhh... man könnte jetzt,
man könnte jetzt, theoretisch könnte man jetzt solche fiesen Sachen sagen wie: Wenn wir wirklich der Welt so viel wegnehmen würden mit unserer
Existenz, dann müsste es in meinem Kühlschrank anders aussehen. (lacht) Aber das sag' ich nicht, nein! Schreib das bitte genau auf, dass ich so etwas nicht sage!
Ich sage, dass ich das nicht sage, okya? Nein, ich wollte sagen: Als Johann Sebastian Bach starb, war ja mit ihm auch nicht plötzlich die Welt um eine große Sache
ärmer. Eigentlich ist die Welt um etwas reicher, seitdem er anfing, seine Sachen zu machen – und ob er tot ist oder nicht, das tut den Dingen keinen Abbruch. Und
ich denke mal, wenn sich irgendwann mal junge Leute zusammenfinden und zusammen im Proberaum knobeln 'Wie können wir die Kreationen des Knorkator fachgerecht
wiedergeben?', dann ist das schon okay. Vielleicht macht sich ja mal jemand ran und analysiert in Musikseminaren 'Was hat sich der Künstler dabei gedacht?' (lacht).
Mann, ick weeß doch auch nicht, Mann, wir hören einfach auf. Das waren jetzt knapp 15 Jahre. Wir sind fünf Leute, und die beiden zuletzt eingesteigenen Mitglieder,
ähhh, eingestiegenen sind... sag mal, bist du eigentlich Print oder bist du Audio? Na okay, dann kann ich mich also versprechen, wie ich will? Also: Die beiden
zuletzt eingestiegenen Mitglieder sind noch unter 40, aber der Stamm ist weit über 40, unser Gitarrist Buzz Dee ist sogar schon über 50 – Knorkator ist ein Job
ähnlich wie ein Stuntman. Ab irgendeinem Punkt sagt man 'Ja, gut, bis jetzt ging's gut, warum soll heute was passieren, wenn gestern nichts passierte? Aber ich
würde mal sagen, die Blessuren und Brüche, die der arme Stumpen schon hinter sich hat, da würde mancher schon am Tropf hängen! Er ist auch gesundheitlich schon
ganz schön ramponiert. Also machen wir doch lieber Schluss, solange wir noch richtig fetzen – nicht dass wir nachher mit einem Krückstock auf die Bühne gehen und
die Leute sagen 'Ach, Mensch, war das mal 'ne geile Band früher!'
Habt ihr erkennen müssen, dass ihr mit eurem Song "Alter Mann" vom letzten Album gar nicht mal so falsch lagt? Touren ist ganz schön anstrengend, oder?
Man muss natürlich zugeben, dass es Spaß macht. Theoretisch könnte ich drauf verzichten, also ich brauche jetzt nicht unbedingt die Bühne, um ein glücklicher
Mensch zu sein. Ich kann auf die Bühne in etwa so verzichten wie auf eine Zigarre. Ne Zigarre ist was wirklich Schönes, wer gelernt hat, eine gute Zigarre zu
schätzen, der möchte eigentlich im Leben nicht mehr drauf verzichten. Ich habe mir vor kurzem das Rauchen abgewöhnt und seitdem keine Zigarre mehr angefasst
und kann sagen, ich bin eigentlich ein glücklicher Mensch. Und so sehe ich das mit den Konzerten auch. Ich will jetzt nicht sagen, ich will nie wieder auf einer
Bühne stehen, ich bin ja weiterhin Musiker. Und wer weiß, was der ein oder andere von uns so treibt. Die Bühne ist eine schöne Sache – ich könnte drauf verzichten,
weiß aber, dass ich als Musiker des neuen Jahrtausends wahrscheinlich die Bühne als einzig übrig gebliebene Einnahmequelle nicht
ganz aus meinem Leben streichen darf.
Wo wir wieder beim Kühlschrank wären.
Ach, komm, ich will nicht klagen. Mein Kühlschrank hat immer noch mehr Inhalt als der Kühlschrank von... der Kühlschrank von meinem Sohn, der keinen hat.
Na ja, gemessen am Durchschnitt der Weltbevölkerung bin ich in der oberen Hälfte. Dazu gehört ja nicht viel, das weiß ich auch. Aber das ist doch schon mal
was – zur Hälfte zu gehören, der es besser geht.
Konntet ihr mit eurer Andersartigkeit etwas verändern im Musikgeschäft?
Kann ich in der jetzigen Situation eigentlich gar nicht so richtig sagen. Man sieht sich selber ja immer aus einem ganz anderen Blickwinkel. Man selber ist ja
immer der Mittelpunkt der Welt und sieht natürlich, dass die Welt irgendwo reagiert. Aber die Welt reagiert auch auf eine Ameise, die mal in eine falsche Richtung
läuft. Und dann denkt die Ameise, 'oh, ich habe hier ja viel vollbracht!' Das kann man selber einfach nicht einschätzen. Ich kriege manchmal so Sachen mit, zum
Beispiel wenn du jetzt hier im Interview sagst, mit uns geht ein wichtiger Teil deutscher Kulturlandschaft, daran sieht man natürlich, dass es irgendwo schon
irgendwie Eindruck hinterlassen haben muss. Es gibt zumindest Menschen, die können sich nicht vorstellen, dass wir ganz normal irgendwo in Berlin in irgendeinem
Randbezirk in einer Wohnung wohnen. Die denken, wir haben irgendwo ein UFO oder ein Schloss, weil das anders nicht geht. Wir werden schon von manchen so eingeschätzt.
Aber das ist jetzt nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Das ist der harte Kern der Fans, der uns für wat janz Besonderes hält. Die haben ja in gewisser Weise auch
Recht, aber na ja, egal. Nächste Frage.
Es gibt ja dieses viel zitierte Statement von dir, dass ihr "Scheiße gesellschaftsfähig" machen wolltet.
Ich habe schon befürchtet, dass du so etwas erzählst. Und ich muss sagen: Es ist nicht mein Statement, diese Formulierung kommt vom Stumpen. Ich will sie aber
nicht revidieren. Ich würde mal behaupten, das war ein guter Spruch damals, da hängt man sich natürlich ganz schön aus dem Fenster. Letztlich haben diese Arbeit
aber andere für uns übernommen.
Stichwort: DSDS und Fernsehprogramm generell.
Ja, das ist schon richtig. Wir meinten es ja, das muss man fairer Weise mal sagen, wir meinten ja den wirklichen Stoff (lacht). Das Substrat. Und das ist,
glaube ich, auch gesellschaftsfähig geworden. Wenn es in der Musikwelt mal um so etwas Sinnloses wie einen Tabubruch geht, ist eine Menge passiert. Die Welt
wird nicht zimperlicher mit der Zeit, es gibt heutzutage im Fernsehen Dinge, die damals, als wir anfingen uns zu formieren, noch nicht möglich waren. Das, was
wir gemacht haben, war natürlich für Leute, die regelmäßig ins Theater gehen, ein alter Hut. Was da schon in den 70ern und 80ern ablief, da waren im Theater schon
ganz andere Sachen möglich. Die würden gähnen, wenn sie ein Rockkonzert sähen. Das ist ja auch nicht der Punkt, mir ging es nicht in erster Linie darum, irgendwelche
Tabus zu brechen. Ich habe mich natürlich gefreut, wenn durch irgendein komisches Wort plötzlich jemand aufschreit und man dadurch Beachtung erfährt, aber eigentlich
ging's darum, das zu sagen, was mir auf der Seele brennt. Und mir ging's natürlich nicht so, dass ich sagen wollte 'Alles ist scheiße', sondern ich wollte eigentlich
immer einen Künstler darstellen, ich wollte sozusagen uns in der Funktion eines Künstlers in einer Rolle sehen. Wir spielen jetzt mal Künstler, die mal so oder mal
so versuchen damit umzugehen, was sie sind. Und da ist wirklich irgendwann der Künstler da, der noch mit letzter Kraft versucht, irgendwas hinauszuschreien,
um beachtet zu werden. Das macht schon Spaß, so eine Rolle zu spielen, das muss ich ganz ehrlich sagen. Es ist natürlich schade, dass so etwas ernst genommen wird.
Wahrscheinlich haben wir wirklich das Genre verfehlt – am Theater ist es klar, dass man eine Rolle spielt, aber auf der Musikbühne erwarten die Leute, dass man sich
selbst spielt. Und dazu habe ich einfach keine Lust, weil ich selber eigentlich ein langweiliger Typ aus Köpenick bin.
Also haben euch die Leute tatsächlich einfach zu wörtlich genommen?
Ja, wobei sich so etwas immer sehr leicht sagen lässt, 'die Leute haben irgendwas nicht verstanden'. Wer sind denn die Leute? Ich finde es immer ziemlich lächerlich,
wenn sich irgendwelche Künstler beschweren, dass sie falsch verstanden wurden. Es geht ja in der Kunst darum, irgendetwas zu machen, damit die Welt besser wird.
Im Allgemeinen heißt es, 'der Künstler schafft irgendetwas, das irgendeinem Menschen da draußen gefällt.' Etwas, wojemand sich mal hinsetzt und hört oder guckt oder
was auch immer und dann sagt 'och, das ist ja schön' oder 'das ist ja interessant'. Es muss auf jeden Fall eine Emotion auslösen.
Er kann es also auch mies finden?
Es kann natürlich auch eine negative Emotion auslösen. Und das Genie des Künstlers definiert sich dadurch, dass er eine negative Emotion auslösen und damit trotzdem
Erfolg haben kann. Ich kann mich auch auf die Bühne stellen und irgendwas machen, damit alle rausrennen, damit habe ich auch eine negative Emotion ausgelöst, nur bin
ich damit nicht erfolgreich. Aber wenn jetzt zum Beispiel Joseph Beuys irgendwo 'ne Fettecke hinstellt, dann könnten jetzt bestimmt zehn Leute sagen 'ich hatte schon
zehn Jahre vorher ne Fettecke', aber der Punkt ist ja, Joseph Beuys hat gewusst, was er tut und in welchem Kontext er es tut. Am Ende zählt: Haben wir die Leute
erreicht, haben wir die Leute bewegt oder nicht? Einige haben wir bewegt, einige nicht, und die, die wir bewegt haben, haben wir sozusagen so sehr bewegt, dass wir
konkurrenzlos sind. Und die Leute, die wir nicht bewegt haben, haben wir auch so was von nicht bewegt, dass sie uns den Rücken gekehrt haben. Aber, mein Gott, ich
find's schon mal gut, wenn man irgendwie einen gewissen Stellenwert hat, dass sich Leute an einen erinnern. Das ist schon mal nichts Schlechtes.
Für alle, die noch Kraft haben:
Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews!