Andre: Nachdem Kim bekanntermaßen ja bereits ihre Flugangst erfolgreich therapieren konnte, will ich dem natürlich in nichts nachstehen, und nutze unsere Ausbildung ebenfalls zur Traumabewältigung. Bevor ich jetzt gleich die Katze aus dem Sack lasse worum es sich dabei handelt, möchte ich zunächst die Vorgeschichte kurz erläutern (Spannung muss schließlich sein): Zu unserem Ausbildungsprogramm gehört natürlich auch das Lernen jeglicher journalistischer Darstellungsformen. Dazu verfallen Kim und ich in zugegebener Maßen eher unregelmäßigen Abständen zurück in alte studentische Muster und belehren uns gegenseitig anhand perfekt ausgearbeiteter Referate. Nach der Pflicht folgt dann die Kür, sodass wir das aufgesogene Wissen anhand eines praktischen Beispiels zu Papier bringen. Anschließend erteilt uns unsere Chefredakteurin Susanne dann entweder die journalistische Absolution für unsere textlichen Ergüsse oder straft uns mit dem gefürchteten Rotstift ab.
Zurzeit beschäftigen wir uns mit der Königsdisziplin des Schreibens: Die Reportage. Die Erklärung, was das Ganze jetzt mit Angstbewältigung zu tun hat, kommt sofort. Es gibt diverse Reportagetypen, auf die ich allerdings nicht genauer eingehen möchte. Doch bei einer speziellen Form kommen wir dem Kern dieses Beitrags schon näher. Um ein Thema besonders authentisch zu veranschaulichen, unterziehen sich viele Journalisten häufig einem Selbstversuch. Schließlich muss man ja auch wissen worüber man schreibt (sollte man zumindest).
Für dieses viel versprechende Format habe ich mich dann auch prompt entschieden und begebe mich dafür dieses Wochenende in luftige Gefilde. Anzumerken ist hierbei, dass ich unter ziemlich ausgeprägter Höhenangst leide. Aber was hilft besser als die gute alte Schocktherapie? Deshalb werde ich zusammen mit meiner besseren Hälfte einen todesmutigen Tandemfallschirmsprung wagen. Ja, ich gebe zu, dass dies nicht aus freien Stücken sondern eher aufgrund der Abenteuerlust meiner Freundin geschieht. Aber zeitlich passt es natürlich super zu unserem redaktionsinternen Ausbildungsplan. Und außerdem sagt man doch so schön: Mitgefangen, mitgehangen (in diesem Fall also eher gefallen).
Das heißt im Klartext, dass ich mich aus einer Absprunghöhe von 4000 Metern in die Tiefe stürze und einen ca. 50 Sekunden langen freien Fall genießen darf. Inwiefern diese Tatsache mit Sinnesfreuden zusammenhängt lässt sich bisher nur mutmaßen. Jedoch ergab eine einschlägige Recherche in diversen Erfahrungsberichten, dass es sich um eine nahezu bewusstseinserweiternde Erfahrung handeln soll. Nun ja, bisher beschränken sich meine Empfindungen alleine beim Gedanken an den bevorstehenden Schicksalstag auf akute Fluchtreflexe. Doch spätestens mit Veröffentlichung dieses Blogs ist an Schwanz einziehen nicht mehr zu denken! Immerhin steht neben meiner selbst auferlegten Männlichkeit auch die journalistische Sorgfaltspflicht auf dem Spiel und wenn selbst die hyperaktive Dschungelhupfdole Ross Anthony den Sprung gewagt hat, kann das Ganze ja nicht so schlimm sein! Außerdem gab es ja bereits Absturzopfer, die mit einem Knöchelbruch davon gekommen sind. Gut, es gab auch Herzinfarkte bei Tandemspringern und unappetitliche Folgen von sich nicht öffnenden Fallschirmen, aber ich baue wie so oft auf die beruhigende Sicherheit der Statistik.
Ansonsten bleibt immer noch die Black Box des Sprungs: Selbstverständlich habe ich einen Videospringer gebucht, der das ganze Spektakel filmt und auf DVD brennt, damit ich hinterher auch ordentlich angeben kann. Sollte ich also heil davon kommen, gibt es nächste Woche an dieser Stelle einen ersten Erfahrungsbericht. Bis dahin gilt: Runter kommen sie alle!
